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7.6.11

Ich bin Kübra

Diesen Text schrieb ich mit 17 Jahren und ich finde er subsummiert viele der Beweggründe für die Entwicklung eines "Ich bin hier fremd-Phänomens" bei Jugendlichen.

(ebenfalls veröffentlicht im DOSSIER Rassismus & Diskriminierung in Deutschland der Heinrich-Böll-Stiftung: http://www.migration-boell.de/web/diversity/48_2530.asp)


Ich bin Kübra


Ich bin in der Türkei in der Stadt Afyonkarahisar geboren. 
Als ich nach Deutschland kam war ich 7 Monate alt. 
Als ich das Kindergartenalter erreichte, hat mich mein Vater zunächst noch nicht in den Kindergarten geschickt, 
da er die Absicht hatte, sowieso bald mit uns in die Heimat zurückzukehren.



Nach 2 Jahren hatte er diesen Traum noch nicht verwirklicht, und wir lebten immer noch in Deutschland. Meine Mutter wollte nicht länger warten, als sie merkte, dass wir auch in diesem Jahr nicht zurückkehren werden und meldete mich im Kindergarten an, damit ich nicht noch ein Jahr verliere.

Nach einem Jahr Kindergarten kam ich dann in die Schule und die Jahre vergingen.

In der zweiten Klasse hat mir ein Klassenkamerad die Frage gestellt: „Bist du Türkin?“ 
„Ja“ hatte ich ihm geantwortet. „Und du?“ 
„Ich bin natürlich Deutscher“, lautete seine Antwort. 
Als ob die Tatsache, dass er Deutscher ist, eine Selbstverständlichkeit wäre 
und die Tatsache, dass ich Türkin bin, nicht normal.

Die meisten unserer Nachbarn waren Türken und da wir fast ausschließlich Kontakte zu türkischen Familien pflegten, bemerkte ich erst neuerdings, dass in meiner Umgebung so viele Leute aus anderen Ländern leben. 
Wir leben aber in Deutschland. Als eine türkische Familie leben wir in Deutschland.
Das Haus, in dem ich Sprechen gelernt habe, die Erde, auf der ich meine ersten Schritte gemacht habe, 
gehören gar nicht mir!!!
Woher hätte ich das wissen sollen? Ich war nur damit beschäftigt zu wachsen und zu lernen.
Mit der Zeit bemerkte ich dann, dass der Sprachunterschied nicht der einzige  ist. 
Sie sind Christen, wir Moslems. Und da war auch noch der Kulturunterschied. 
An manchen schulischen Veranstaltungen, z.B. bei gemeinsamen Essen, 
wurden spezielle Fragen an mich gerichtet, wie: „Ihr esst kein Schweinefleisch, oder?“
Anfangs verwunderten mich diese Fragen ein wenig. „Nein, essen wir nicht“, antwortete ich. 
Bei allen anderen Kindern war es normal, dass sie Schweinefleisch essen – woher hätte ich das wissen sollen? 
Sie sind anders, ihre Sprache ist anders, ihre Essgewohnheiten sind anders, ihre familiäre Erziehung ist anders.
Aber eigentlich sind wir es, die anders sind! Woher hätte ich das wissen sollen? 
Wir sind eine türkische Familie, die als Ausländer in Deutschland lebt. 

Wir sind es die anders sind!

Am Anfang der 9. Klasse habe ich beschlossen, ab jetzt ein Kopftuch zu tragen.
In den Schulen in der Türkei ist es verboten Kopftücher zu tragen – wusste ich nicht. 
Aus dieser Sicht war es ein Vorteil für mich, dass ich hier lebe.
Als ich in der 12. Klasse war, hat mich mein Englischlehrer gefragt: “Warum erschwerst du die Integration? 
Warum willst du nach außen unbedingt zeigen, dass du anders bist?“ Ich war erstaunt, als ich diese Frage hörte. Sah es nach außen wirklich so aus?
Ich versuche doch lediglich (obwohl durch andere festgelegt wurde, dass ich hier lebe, wodurch meine Suche nach mir selbst erschwert wurde) ich zu sein! 
„Ich erschwere nicht die Integration, ich versuche nur, meine Religion zu leben“, antwortete ich. Er sagte noch einmal: “Du musst das Kopftuch ja nicht in der Öffentlichkeit tragen, trage es doch zu Hause!“
Ich bin Muslimin. Ich bin Türkin. Und nur weil ich hier lebe, kann ich ja nicht aufhören Muslimin zu sein, Türkin zu sein, ich zu sein.

Ich habe es mir nicht ausgesucht, hier zu leben. Als ich meine Augen dem Leben, der Welt öffnete, erblickte ich Deutschland und lernte erst im Nachhinein, dass ich hier eine Fremde bin. Noch bevor ich auseinanderhalten konnte, wer bekannt, wer fremd, wer türkisch, wer deutsch, wer russisch, wer italienisch ist, hatten sie mich schon identifiziert, benannt, abgestempelt als „Ausländerin“.

Und da die Situation sich so ergeben hat, bleibt mir keine andere Wahl, als die Rolle, die mir zugeteilt wurde, zu übernehmen.
Wie jeder Mensch, der seine ihm zugeordnete Rolle zwangsweise spielt, begann auch ich, die mir, im Leben, zugeteilte Rolle zu spielen...    

19.Mai 2007





6.6.11

In welcher Sprache denke ich?

In welcher Sprache spreche ich zu mir selbst?
In welcher Sprache denke ich?

Für viele Menschen mit Migrationshintergrund stellt sich die Frage, "Wer bin ich?", "Wo gehöre ich hin?" Und viele wissen auf diese Frage keine klare Antwort! Diesen Leuten liegt es dann meisten sehr nahe zu sagen: "Ich bin Weltbürger!"



Wir alle führen Selbstgespräche.
Wenn wir unseren morgentlichen Kaffee zu uns nehmen wollen, dann fragen sich diejenigen, die ihrer schlanken Linie zu Liebe ab und zu auf den Kaffeezucker verzichten, "Will ich ihn heute schwarz trinken oder soll es heute doch lieber neben einem Aufputscher auch ein Schmauß für den Gaumen sein?" oder denkt er vielleicht doch eher: "bugün siyahmı içsem yoksa uyanmamı sağlamasının dışında birazcık ağzımın tatlanmasınıda istiyormuyum acaba?" (das ist dasselbe auf Türkisch)
Wenn sich Fabrizio, wie jeden Freitag Abend, wieder einmal für den Gang zur einer der angesagtesten Diskotheken Deutschlands vorbereitet hat, die Haare perfekt gestylt und die Lederjacke locker über die Schultern geworfen, noch einen letzten Selbstbewussten Blick in den Spiegel wirft und denkt, „Du siehst aber gut aus!“ In welcher Sprache denkt er dann? Oder denken wir gar nicht in Sprachen? Also denken wir vielleicht gar nicht in konkreten Wörtern? Hat jeder seine eigene Denk-„Sprache“?? Wer weiß?

Manche Lehrer wollen ihren Schülern die englische Sprache näher bringen, indem sie ihnen sagen "Denkt Englisch!", so hoffen sie wird die englische Sprache leichter zugänglich für sie…

Wer kennt sie nicht, diese höchst ärgerlichen Pannen, die man doch hätte sehr wohl vermeiden können... Wenn eine vielbeschäftigte Haus- und Geschäftsfrau, wie wir Sie heutzutage immer häufiger antreffen, hastig, mit ihren 10 Einkaufstüten aus ihrem Auto steigt, und dabei ihren Autoschlüssel im Auto mit einschließt, weil sie die Verriegelungsfunktion gewohnheitsmäßig immer von innen aktiviert, - schreit sie dann "Scheeeiße!!!" oder vielleicht doch "shit!!!" ?

Und in welcher Sprache fluchst du?

Eine spanischstämmige Grundschullehrerin geht auf Klassenfahrt mit ihren Schützlingen. Alle Kinder haben sich brav auf ihren Sitzplätzen platziert und warten gespannt darauf loszufahren. Die Lehrerin geht noch ein letztes mal durch den Bus, um sicherzustellen, dass auch wirklich niemand vergessen wird. was meint ihr, zählt sie "eins - zwei - drei..." oder "uno - dos - tres..."?

Für diejenigen unter uns, die nur einer Sprache mächtig sind stellt sich diese Frage wahrscheinlich nicht!
Aber wie sieht es aus, mit denjenigen, die 3 oder sogar 4 Fremdsprachen fließend beherrschen, oder gar für diejenigen, die zweisprachig aufgewachsen sind?

In welcher Sprache denken wir?
In welcher Sprache träumen wir?
Oder denken und träumen wir gar nicht in konkreten Wörtern?

Jeder kann nun für sich prüfen, in welchen Sprachen er denkt und träumt und sein individuelles Stadium als "Weltbürger" festmachen ..
..Jetzt aber mal Spaß bei Seite, vielleicht erinnert sich ja der ein oder andere Schüler an diesen Text, wenn er bei der Nächsten Klausurrückgabe, mit dem entsprechenden Gesichtsausdruck entweder "Fuck!" oder "Strike!" vor sich hin murmelt...
Reden ist ja bekanntlich die die Lösung für die meisten Probleme.., rede doch mal mit dir selbst und achte darauf in welcher Sprache du diese Unterhaltung führst…

Stuttgart den 30.März`09




Der Geburtstagskuchen


„Papa, kaufst du mir diesen Kuchen zu meinem Geburtstag“ fragte Gökcen, als sie den „Benjamin Blümchen“ Kuchen im Fernsehen gesehen hatte. Obwohl es immerhin noch 3 Monate bis zu ihrem Geburtstag waren.

Und mein Vater sagte mit einer sanften väterlichen Fürsorge, „warum kaufst du ihn erst zu deinem Geburtstag? Wenn du willst, dann kauf ihn doch jetzt.“

Warum sind wir Menschen so? wir vertagen Freuden immer auf morgen. Und werden somit auf morgen vertagt.
Das Leben lebt sich nicht ohne Hoffnungen. Und im Eigentlichen ist Leben - Hoffnung. Jeden Abend, wenn wir unseren Kopf auf unser Kissen legen, haben wir Hoffnungen in Bezug auf den morgigen Tag oder zumindest Ziele wenn wir am einschlummern sind.
Leben.
Was bedeutet es, ein schönes Leben zu leben?
Das Leben in vollen Zügen zu genießen?
Ein erfülltes Leben haben, Was heißt das?
In luxuriösen Häusern wohnen und mit teuren Autos fahren, dass ist es nicht was den Menschen glücklich macht.

Ab und an mal in die nächstgelegenen Farm zu gehen, auf ein Pferd zu steigen und dem Wind zu erlauben, während er im Galopptempo dein Haar durchkämmt und deine Schultern streift, all deine Sorgen mit sich zu nehmen.

Sich in einen Tennisklub einzuschreiben und dort die Grenzen seiner Fitness herauszufordern. Zu Lachen und mit Freunden an kleinen Erfolgen teilzuhaben.

An einem schönen Sommerabend, die Hände hinter dem Kopf, rücklings im frischen, dichten Gras zu liegen und das würdevolle, rythmische Tanzen der Wolken am Himmel zu beobachten. Zur Ruhe zu kommen. Frieden zu finden.

Einen warmen Tee zu machen und ihn auf dem Balkon zwischen den Blumen, gemeinsam mit deiner besseren Hälfte zu genießen,und kuschelnd den romantischen Sonnenuntergang anzusehen.



Es gibt viele Fenster, die die Außenwelt zeigen.
Du allein entscheidest, aus welchem du schauen willst.

Alles, was dir im Leben begegnet, hat seine Guten Seiten.
Sieh die Schönen Seiten an den Dingen so werden die Schönheiten immer mit dir sein.
Alles hängt also vom Blickwinkel ab.

Leben ist es spontan sein zu können.
Man sollte vor seiner Haustüre ein Fahrrad stehen haben, auf das man sich schwingen und bei Laune eine kleine Spritztour machen kann.
Wenn es einem danach ist, sollte man in den Kühlschrank greifen und sich einen knackigen, kühlen Apfel gönnen und dabei am offenen Fenster lehnend, die spielenden und lachenden Kinder vor der Haustür beobachten können.

Das ist das Leben.
Der Mensch ist das Leben.
Du bist das Leben.
Vertage deine Wünsche und Hoffnungen nicht auf morgen.

Vertage dich nicht auf morgen.


22.08.2008